Roessler bringt dem Holz die Flötentöne bei
Flötentöne aus Dithmarschen - sie werden von Musikern weltweit geschätzt. Nach alter Handwerkskunst werden die Instrumente bei Ulf Roessler in Weddingstedt gebaut.
von Annemarie Heckmann
Weddingstedt - Sie verlangen Fingerspitzengefühl, Lungenvolumen und ein gutes Gehör - Blockflöten gehören noch immer zu den meistgespielten und -gekauften Musikinstrumenten. Auf etwa neun Millionen Flöten, so schätzen die deutschen Instrumentenbauer, wird in den eigenen vier Wänden und in Schulen Musik gemacht. Wo das Land flach ist und eine steife Brise durch die kargen Bäume streicht, dort werden sie produziert. Roessler aus Weddingstedt bei Heide ist neben Mollenhauer, Moeck und Hohner der führende deutsche Blockflötenhersteller.
Statt durch ein repräsentatives Firmenschild wird der Besucher behutsam zum hinter Bäumen versteckten Ziel am Ortsrand gelotst: "Flötenweg" heißt es vielversprechend. Auf etwa 500 Quadratmetern Fläche werden in dem rund 50 Jahre alten Unternehmen in Handarbeit von vier Mitarbeitern etwa 1500 Blockflöten pro Monat gefertigt. Der Jahresumsatz liegt etwa bei 600 000 DM, wie Ulf Roessler (54) sagt.
Produziert werden 90 Modelle, angefangen bei der nur 25 Zentimeter kleinen Sopranino bis hin zu Sub- und Kontrabässen mit mehr als zwei Metern Länge. Roessler-Flöten sind nicht nur bundesweit in Konzertsälen zu hören, sondern werden auch in ganz Europa, in den USA und Japan gespielt. Über 50 Prozent der Produktion sind Schulblockflöten, während von den Bässen im Jahr nur etwa zehn Stück entstehen.
Roessler setzt vor allem auf einheimische Hölzer: Kirsche, Birnbaum, Birke, aber auch Buchs, Weißdorn und Ulme. Schon für eine einfache C-Flöte aus Birnbaum sind 36 Arbeitsgänge notwendig. Begonnen wird mit einem Vierkantholz mit Innenbohrung, erst nach dem "Schruppen" auf der Drehbank wird die Flöte eine runde Sache. Es folgt eine Vakuumimprägnierung mit Wachs, damit feuchter Atem dem Holz nicht zusetzen kann. Erst dann ist die Flöte "dimensionsstabil".
Maschinen können nur bis zu einem bestimmten Punkt vorarbeiten, das Endmaß bleibt Handarbeit. Die Fertigung des Mundstücks mit dem namensgebenden typischen Zedernholzblock, von Windkanal und Löchern - das alles verlangt das Wissen von Könnern. Die so einfach aussehende Blockflöte ist voll Tücken, denn ihr Ton kann schmerzend schräg sein. Das liegt an dem Luftstrahl, der auf die scharfe Kante des Mundstücks (Labium) trifft. Klangbestimmend sind nicht nur der Anblasdruck des Spielers und die Lage seiner Finger, der richtige Ton hängt auch von dem Instrument ab. Das muß "stimmen". Nach dem Pariser Abkommen ist der Richtwert heute 442 Hertz auf Kammerton A.
Feine Variationen vor allem im Windkanal sind es, die nach den Worten von Ulf Roessler "die Handschrift einer Blockflöte" ausmachen. Das Holz spielt dabei nur die zweite Geige. Generell aber gilt, je härter es ist, desto tragfähiger der Ton. Jedes Instrument, das die Halle verläßt, wird einzeln durchgespielt und bei Bedarf nachgearbeitet. Da wird ein Loch um Bruchteile eines Millimeters vergrößert oder das Schnitzmesser nochmals an das Labium gelegt. Ziel für den Jazzliebhaber und engagierten Klarinettisten ist es, ein "schönes Instrument" zu schaffen, und das sei mehr als eine Ware - eher ein Wohlgefühl.